W
as Georges Devereux über Angst und Krise lehrte, lässt sich überraschend gut auf modernes Krisenmanagement übertragen – besonders, wenn Selbstführung – die Self Agency – gefragt ist.
Krisen verkomplizieren nicht nur die Lage – sie durchbrechen Routinen. Sie legen Widersprüche offen, testen Entscheidungsfähigkeit und verschieben Selbstbilder. Für Organisationen, Führungskräfte und Verwaltungen wird die Krise zur doppelten Herausforderung: Sie verlangt Handlungsfähigkeit und stellt gleichzeitig Fragen, auf die keine Excel-Tabelle vorbereitet.
Georges Devereux, Psychoanalytiker und Ethnologe, plädierte schon in den 1960er Jahren für einen radikalen Perspektivwechsel. Nicht die Komplexität der Welt sei das Problem – sondern der Versuch, sie ohne emotionale Beteiligung zu analysieren. Angst, so Devereux, sei kein methodischer Defekt, sondern eine erkenntnistheoretische Chance. Seine These: Wo es knirscht, zeigt sich, worauf Systeme gebaut sind – und worauf nicht.
Angst und Resilienz - ein (un)gleiches Paar?
Der Vorschlag ist ebenso simpel wie unbequem: Statt Angst reflexhaft zu unterdrücken, sollte sie gelesen werden. Was wird hier eigentlich bedroht? Die eigene Autorität? Der Handlungsspielraum? Das gewohnte Selbstbild als lösungsorientierte Instanz?
In der Krisensituation sind es oft nicht nur äußere Belastungen, die lähmen, sondern innere Konflikte: Schuldabwehr, Kontrollzwang, Projektionsmechanismen. Organisationen reagieren auf Unsicherheit mit Aktionismus oder Erstarrung – beides Schutzstrategien. Dabei geht es nicht nur um Strukturen, sondern um psychische Grundmuster.
Devereux würde dazu sagen: Die eigentliche Krise beginnt dort, wo die eigenen Anteile übersehen werden.
Ein Zugang dazu eröffnet das Konzept der „ Self Agency“ – die Fähigkeit, im eigenen Erleben handlungsfähig zu bleiben. Nicht in dem Sinn, „sich zusammenzureißen“, sondern in dem Sinn, die eigene emotionale Reaktion als Teil der Realität zu akzeptieren. Gerade in politischen und organisationalen Kontexten bleibt das oft der blinde Fleck: Es geht um Richtlinien, Verfahren, Maßnahmen. Weniger um die Frage, was die Situation in den Menschen selbst auslöst – in den Entscheidenden wie in den Betroffenen.
Erfahrungen aus Trainings zeigen, dass die größte Herausforderung nicht im Finden von Lösungen liegt, sondern in der Phase davor: der Akzeptanz. Nicht zu verwechseln mit Resignation, sondern mit der Fähigkeit, nicht reflexhaft weiterzuwursteln, sondern kurz zu halten, was ist. Auch das ist Führung: aushalten können was gerade nicht geht.
Devereux schlägt ein komplementäres Denken vor – jenseits von richtig oder falsch, Kontrolle oder Kontrollverlust. Krisen sind nie nur externe Ereignisse, sie sind auch innere Zustände. Die Kunst besteht darin, beides gleichzeitig zu sehen. Wer das ignoriert, optimiert an der Oberfläche. Wer es integriert, baut Substanz auf.
Krisenbewältigung braucht keine Helden. Sie braucht Haltung und den Mut, die Stille zwischen zwei Entscheidungen auszuhalten.
Für Organisationen, die Krisen nicht nur managen, sondern aus ihnen lernen wollen, sind Weiterbildungs- und Reflexionsformate ein wirkungsvoller Ansatzpunkt. Sie fördern Selbstklärung, vertiefen das Verständnis emotionaler Dynamiken und stärken echte Handlungsfähigkeit.
Kürzlich, im Rahmen des unten genannten Workshops mit politischem Bezug, konzentrierte sich das Thema auf die Herausforderung, sich mit Entscheidungen Zeit zu lassen, wenn man glaubt, keine zu haben – Self-Agency eröffnet Spielräume genau dort, wo blinder Aktionismus Krisen eher verschärft als entschärft.
Das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Handlungsfähigkeit stand im Mittelpunkt des Seminars „Krisenmanagement und persönliche Agency“ bei Biwak Berlin im März 2025. Dort wurden Ansätze zu Konfliktmanagement, Resilienz und Selbstwirksamkeit weitergedacht – als Teil einer Praxis, die Krisen nicht als Ausnahme, sondern als Lernmoment versteht.
Mein besonderer Dank gilt Christiane Heiß, Antonia Simon und Signe Stein für ihren wertvollen Input und das gemeinsame Nachdenken, das die Gedanken dieses Blogs entscheidend geprägt hat.
Devereux’ Ansatz: Angst als Erkenntnisquelle
In Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften (Suhrkamp, 1984) beschreibt Georges Devereux, dass die Angst des Beobachters nicht ausgeblendet, sondern methodisch reflektiert werden muss – weil sie Aufschluss über die verborgenen Dynamiken zwischen Beobachter und Beobachtetem gibt.
Devereux, Georges (1984): Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
(Originalausgabe: From Anxiety to Method in the Behavioral Sciences, University of Chicago Press, 1967)



